Die Schulter gilt als eine der funktionell komplexesten Regionen des Bewegungsapparates und ist zugleich eine der häufigsten Indikationen in der physiotherapeutischen Versorgung. Ein Jahr nach Einführung der Blankoverordnung zeigt sich insbesondere bei Schulterbeschwerden, wie stark indikationsbezogene Therapieentscheidungen von objektiver, funktioneller Diagnostik profitieren. In Verbindung mit moderner Messdiagnostik, etwa durch den kinetIQ von cardioscan, eröffnet sich für Physiotherapiepraxen im deutschsprachigen Raum ein neuer evidenzbasierter Handlungsspielraum.
Schulterbeschwerden: Eine der häufigsten Indikationen in der Physiotherapie
Aktuelle Übersichtsarbeiten bestätigen, dass Schulterbeschwerden zu den häufigsten muskuloskelettalen Problemen in der ambulanten Versorgung zählen und häufig einen chronischen Verlauf nehmen (Luime et al., 2020; Steuri et al., 2021). Dabei zeigt sich zunehmend, dass strukturelle Pathologien allein die Symptomatik oft nicht ausreichend erklären. Neuere Studien betonen, dass funktionelle Einschränkungen, Kraftasymmetrien und veränderte Bewegungsstrategien eine zentrale Rolle spielen (Lewis et al., 2021). Für die physiotherapeutische Praxis bedeutet dies, dass eine rein symptombezogene oder bildgebungsorientierte Herangehensweise der Komplexität der Schulter häufig nicht gerecht wird.
Blankoverordnung bei Schulterbeschwerden: Mehr Freiheit, mehr Verantwortung
Die Blankoverordnung ermöglicht es Physiotherapeuten, Therapieinhalte und -verläufe indikationsbezogen und adaptiv zu gestalten. Gerade bei Schulterbeschwerden ist diese Flexibilität entscheidend, da Belastbarkeit, Schmerz und Funktion häufig stark variieren. Aktuelle Evidenz zeigt, dass individualisierte und progressiv gesteuerte Therapieprogramme bei Schultererkrankungen signifikant bessere funktionelle Outcomes erzielen als standardisierte Behandlungsansätze (Littlewood et al., 2020; Hanratty et al., 2021). Die therapeutische Freiheit der Blankoverordnung entfaltet ihren vollen Nutzen jedoch nur dann, wenn Entscheidungen auf objektiven Verlaufsdaten basieren.
Funktionelle Schulterdiagnostik als Schlüssel indikationsbezogener Therapie
Die Schulterfunktion ist maßgeblich von der Interaktion zwischen Glenohumeralgelenk, Scapulabewegung und neuromuskulärer Kontrolle abhängig. Aktuelle Studien zeigen, dass veränderte scapulothorakale Kinematik und Kraftdefizite signifikant mit Schulterbeschwerden assoziiert sind (Kibler et al., 2022). Funktionelle Diagnostik erlaubt es, diese Defizite messbar zu machen und Therapieentscheidungen evidenzbasiert zu steuern. Laut einer systematischen Übersichtsarbeit von Cools et al. (2020) verbessert die Kombination aus klinischem Assessment und objektiver Kraftmessung die Präzision rehabilitativer Interventionen deutlich, ein zentraler Aspekt im Rahmen der Blankoverordnung.

