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Höher, schneller, weiter: Unsere Gesellschaft ist auf die Optimierung von allem ausgelegt. Das gilt auch für Regeneration. Aber wer entspannt wie am besten?

Sie hatte es doch nur gut gemeint, das wusste Sven doch. Seine Freundin hatte eben genau hingesehen, hatte gemerkt, dass er ziemlich unter Druck gestanden hatte. Werber ist eh ein stressiger Job, und dann hatte er diesen neuen Kunden an Land gezogen und sich einen Wolf gearbeitet. Und Alina hatte dann dieses Wellnesswochende in Mecklenburg gebucht, drei volle Tage, so’n bisschen mit Öko-Touch, Vollkornkuchen und vegetarischm Essen und so und Massagen und ayurvedischen Aufgüssen… Sie hatte ihn eigenmächtig für Freitag bei der Arbeit abgemeldet, eine Überraschung sollte es sein. War’s auch, in jeder Beziehung.

„Du musst mal was Gutes für dich tun“, hatte sie gesagt. Als sie am Sonntagnachmittag nach Berlin zurückfuhren, verliefen die zweieinhalb Stunden im Auto… schweigend. Sven war schlecht gelaunt und hatte ein schlechtes Gewissen. Alina war eigentlich nur traurig.

Was war passiert? Eigentlich gar nicht so viel. Und das war das Problem: Die Ruhe da draußen auf dem Land hat Sven wahnsinnig gemacht. Den Gundermann-Salat hat er nicht angerührt, das Ayurveda-Öl auf der Stirn war für ihn eine sanfte Form des Waterboardings. Beim Spazierganz am Samstagnachmittag hat er alle paar Minuten auf dem Handy Bundesligazwischenstände gecheckt, vielmehr: Er hat es versucht. Das Netz war nicht so doll da oben zwischen Kuhweiden, Wäldern und Seen. Das war übrigens der Moment, an dem Alina mal kurz ausgerastet ist.

Dieser Situation liegt ein Missverständnis zu Grunde. Nämlich, dass Entspannung, dieses „sich selbst was Gutes tun“ für alle dasselbe bedeutet. Tut es nicht. Deshalb müssen wir vielleicht mal kurz klären: Was ist das eigentlich, diese Entspannung, von der immer alle reden?

Also: Entspannung beschreibt einen körperlichen und geistigen Zustand der Ruhe, Gelassenheit und des Wohlbefindens. Die Muskeln sind locker und gelöst, der Nacken fühlt sich weich an, im Kopf ruhen die Gedanken wie auf einem sanften Kissen. So weit, so klar. Aber auch medizinisch lässt sich Entspannung erklären. Nämlich über die Funktion des vegetativen Nervensystem. Das steuert Körperfunktionen wie Herzschlag, Atmung und Blutdruck und besteht aus zwei Teilen: dem Sympathikus und dem Parasympathikus.

Der Sympathikus treibt uns an, lässt uns Stress aushalten und sportlich durchstarten, einen herzlichen Dank an dieser Stelle an die Hormone Adrenalin und Noradrenalin. Der Parasympathikus dagegen lässt uns runterkommen. Er dämpft bestimmte Prozesse. Verringert die Spannung der Muskulatur. Sorgt dafür, dass wir gleichmäßiger und tiefer atmen. Das Herz schlägt unter seinem Einfluss langsamer, der Blutdruck sinkt. Die Gefäße erweitern sich. Hände, Arme und Beine fühlen sich warm an – ein sicheres Zeichen dafür, dass der Körper entspannt.

Alina hat auch einen anstrengenden Job, sie macht Social Media für eine große Bank. Aber sie geht auch zweimal die Woche zum Yoga, und dabei spürt sie genau, wie der Parasympathikus seinen Job macht. So ein Wellnessding wie in Mecklenburg kommt ihrer Vorstellung von einem Himmel auf Erden ziemlich nah. Bei Sven jedoch steigt der Stresslevel eklatant an, wenn er nur daran denkt. Er tut sich was Gutes, wenn er nach dem Job mit Tempo durch den Tiergarten joggt, bis hart an die Erschöpfungsgrenze. Und danach mit ein paar Freunden, zwei bis drei Bier und ein paar Tüten Chips Spiele des FC Liverpool in der Champions League anschaut.

So gut es mit Sven und Alina auch sonst klappt: Die beiden sind komplett unterschiedliche Entspannungstypen. Sven ist der Power-Typ. Devise: Dampf ablassen, den eigenen Körper möglichst intensiv unter Belastung spüren. Dann wird er ruhig im Kopf. Was er gar nicht gebrauchen kann: eine komplett reizlose Umgebung, eine, die nichts von ihm fordert als die komplette Entleerung des Kopfes.

Das wiederum braucht seine Freundin. Sie macht nicht nur Yoga, sie meditiert auch täglich. Achtsamkeit ist mehr als ein Modewort für sie und all die anderen visuell-auditiven Typen wie sie. Das sind Menschen, die eine besonders ausgeprägte Wahrnehmung ihrer Umgebung haben – und deshalb dringend Auszeiten davon brauchen. Die können im besten Fall sich und ihre Welt, im Wortsinn: abschalten. Den Stecker ziehen. Durch Yoga, Meditation, autogenes Training abschalten.

So ein bisschen gehört Alina aber auch zu Typ 3: der kinästhetische Genießertyp. Sie mag nämlich auch, was Sven kaum aushält: Massagen, körperliche Anwendungen. In Ihrer Beziehung ist sie die Kuschlerin, er… nicht so sehr. Neben Yoga mögen Kinästhetiker auch Qi-Gong ganz gern – Bewegung, aber auf die sanfte Art.

Irgendwann haben Sven und Alina sich übrigens wieder vertragen. Weil sie erkannt haben, wie man eine Beziehung entspannt: Man muss den anderen einfach sein lassen, wie er nun mal ist.