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Kennen wir alle, solche Typen, oder? Aber stimmt das eigentlich? Was für Typen verstoffwechseln folgenlos – und welche müssen sich jeden Bissen genau überlegen?

Wir müssen über die gelbe Agouti-Maus reden. Die hat’s nämlich fürchterlich schwer, so rein gesundheitlich. Schuld daran ist ein Gen, das die Maus trägt. Und das sorgt dafür, dass ihr Fell nicht grau oder dunkelbraun gefärbt ist, sondern blassgelb. Und darüber hinaus ihr Sättigungszentrum hemmt und sie anfällig für Krebs und Diabetes macht. Sie lebt also wie Homer Simpson: gelb, fett und schwer gefährdet. Jedenfalls jene Exemplare, um die sich der US-Krebsforschers Randy Jirtle vor ein paar Jahren nicht gekümmert hat. Der nämlich verabreichte an der University of Wisconsin-Madison trächtigen Weibchen ein Spezialfutter, dem großzügige Portionen an Nahrungsergänzungsmitteln beigemischt waren – zum Beispiel Folsäure, Vitamin B12 und Cholin. Das wirkte sich auf die Nachkommen aus: Sie hatten zum großen Teil dunkles Fell, waren schlank und blieben gesund. Die Jungtiere derjenigen Mäuse, die normales Futter erhalten hatten, waren dagegen wie ihre Mütter gelb, dick und krankheitsanfällig.

Warum wir davon erzählen? Weil das viel mit uns Menschen zu tun hat. Denn die Epigenetik, deren Bedeutung dieses Experiment nachgewiesen hat, ist auch für uns relevant. Dieses Teilgebiet der Genetik erforscht molekulare Strukturen, die sich auf oder in der Nähe von Genen befinden, wie ein zweiter Code. Der erste bestimmt die Eigenschaften der Erbinformation. Der epigenetische aber legt eine weitere Schicht darüber, die mit Umweltreizen zu tun hat, denen ein Kind im Mutterleib ausgesetzt ist. „Epigenetische Strukturen wirken wie Schalter, die Gene an- oder abstellen“, sagte Dr. Peter Spork, ein Forscher aus Hamburg.

Schalter? Wie sehen die aus? Nun: Es sind dieselben, mit denen wir uns auseinandersetzen. Klima, Sport, Dauerstress, Gefühle, Hunger oder ständige Überernährung – Einflüsse aller Art können Säugetierzellen epigenetisch programmieren und ihre Funktionsweise dauerhaft verändern. Denn wenn diese Zellen einmal epigenetisch programmiert sind, geben sie ihre  Strukturen an die Tochterzellen weiter. „Auf diese Weise kann eine früh erworbene Eigenschaft bis ins hohe Alter erhalten bleiben“, sagt Spork.

Mit anderen Worten: Wie wir auf bestimmte Situationen reagieren, wie wir mit Krisen umgehen, das bestimmt schon unsere Art, im Mutterleib zu wachsen. Und dazu gehört nun mal leider auch, wie unser Stoffwechsel funktioniert. Wenn eine schwangere Frau fettleibig ist oder unter Schwangerschaftsdiabetes leidet, dann ist das Risiko einer genetischen Fehlprogrammierung ziemlich groß. „Übergewicht bei der Geburt führt zu einer lebenslangen alters- und geschlechtsunabhängigen Verdopplung des Risikos, im späteren Leben übergewichtig zu werden“, sagt Andreas Plagemann von der Geburtsklinik der Berliner Charité.  Und das ist keine hohle Vermutung – Plagemann bezog seine Aussage auf eine Metaanalyse mit etwa 100 Studien und über einer Million Probanden und Probandinnen weltweit.

Tja. Und nun? Wissen wir zumindest, was zu tun, ist, wenn wir selbst schwanger werden: nicht für zwei essen, Überernährung vermeiden. Und wir, die wir nun mal bereits mit einem fix und fertigen Gencode geboren wurden, können richtig essen. Das Stichwort dazu: Epi-Food. Damit kann man zwar nicht die Gene umprogrammieren. Aber, siehe Dr. Spork weiter oben: Man kann die Schalter dieser Gene an- oder ausknipsen. Zum Beispiel mit Hilfe von Kreuzblütlern, denn die sind reich Sulforaphan – ein sekundärer Pflanzenstoff, der im Körper nicht nur als starkes Antioxidans wirkt, sondern laut Epigenetik auch die Superkraft hat, unseren Genpool zu beeinflussen. Findet man in Brokkoli, Kohl, Rucola. Oder nehmen wir Johannisbeeren, Himbeeren, Blaubeeren, Brombeeren: Die haben nicht nur jede Menge Vitamine und Antioxidantien, sondern Epigenetikflüsterer wie Anthocyane, Chlorogensäure oder Quercetin. Und auch Kurkuma gilt als Genfood, wie Grüntee und Rosmarin.

Aber was ist denn nun mit diesen Leuten, die behaupten, sie könnten alles essen, ohne zuzunehmen? Haben die einfach Glück gehabt, als die Gene ausgewürfelt wurden? Ja. Und nein. Da spielen noch andere Faktoren eine Rolle. Es könnte, nur so zum Beispiel, eine Schildrüsenüberfunktion vorliegen, ist gar nicht so selten. Das verantwortliche Hormon lässt den Stoffwechsel dauerhaft in Heavy Rotation laufen – klar, dass da nichts hängen bleibt. Gesund ist das auf Dauer eher nicht. Was die anderen angeht, die ständig aufpassen müssen, die unendlich trainieren und trotzdem zuviel auf den Rippen mit sich herumtragen: Analyse wäre schon mal ein super Anfang.

Zum Beispiel an einem Checkpoint von cardioscan. Denn bei den meisten von denen gibt es auch den metabolicscan – eine ziemlich genaue Stoffwechselanalyse. Die verblüffend einfach funktioniert: man atmet. Die Werte der Sauerstoffkonzentration der abgeatmeten Luft werden dann gemessen und ausgewertet und der Kohlenstoffdioxidausstoß herangezogen. Ein hoher Kohlenstoffdioxidausstoß ist auf eine zu hohe Aufnahme an Kohlenhydraten zurückzuführen. Und schon weiß man: Abnehmen funktioniert so nicht, die Sauerstoffaufnahme muss verbessert werden, um den Fettstoffwechsel wieder in Schwung zu bringen.

Dass man danach alles essen kann, ohne zuzunehmen – nicht sehr wahrscheinlich. Aber das Schöne ist: man will es auch gar nicht.