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Shiatsu wird als japanische Massagetechnik beschrieben. Aber mit unserer westlichen Vorstellung von Massage hat das gar nicht viel zu tun. Ein Erfahrungsbericht unserer Naturheilexpertin Kathrin Bruun

Ich liege auf einem japanischen Futon auf geölten, fußbodenheizungswarmen Eichenbohlen in einem lichtdurchfluteten Therapieraum. Und ja: ich bin bereit. Bereit für Entspannung, die erwarte ich jetzt, denn das ist das, was ich mit dem verbinde, was jetzt kommt. Die Shiatsu-Therapeutin Stefanie drückt mit ihren Handballen unter Einsatz ihres Körpergewichts meine Schulter in die weiche Matte und zieht mich an der gegenseitigen Hüfte in die Länge.

So fühlt es sich zumindest an. Genau kann ich die Griffe gar nicht einordnen,  und versuche es auch gar nicht. Aber es hat etwas mit Meridianen und dem Qi zu tun. Korrekter gesagt: mit dem Ki. Das ist die japanische Version, die aber das gleiche meint: Die allumfassende Lebensenergie, auch Atem, Fluidum und einiges mehr genannt, die über die Meridiane durch den Körper fließt. Tut sie das ungestört, ist der Mensch gesund. Steht sie still, bedeutet es – Tod.

Ihr ahnt es schon: Oft befinden wir uns dazwischen. Es kommt zu Stauungen, Störungen, Dysbalancen. Diese aufzuspüren und damit gleichzeitig zu behandeln – das ist die Aufgabe des Shiatsu-Therapeuten. Shiatsu heißt auf japanisch Fingerdruck, Akupressur und hat ihre historischen Wurzeln im Tuina, einer Massagetechnik aus China. Laut Definition im besten Beamtenjapanisch des Büros für medizinische Angelegenheiten des japanischen Gesundheitsministeriums von 1957 ist Shiatsu „eine Maßnahme, bei der man mit dem Finger und Handballen Druck auf bestimmte Stellen der Körperoberfläche ausübt, um Unregelmäßigkeiten des Organismus zu korrigieren, die Gesundheit zu wahren oder fördern bzw. zur Heilung spezifischer Krankheiten beizutragen.“ Genau genommen ist Shiatsu, im übrigen Diagnose und Therapie in einem, ein Zusammenschluss verschiedener Therapieformen, die Anfang des 20. Jahrhunderts kombiniert und konsolidiert wurden, um einen definierten Status und damit einen Platz im neuen Gesundheitswesen zu erhalten. Muss ja alles seine Ordnung haben.

Und die Idee ist, als Therapeut mehr mit dem Einsatz des Körpergewichts und weniger mit Fingerdruck zu arbeiten und dabei in eine Verbindung mit dem zu Behandelnden einzugehen, die von Achtsamkeit, Sensibilität und Offenheit getragen wird. Das ist das Geheimnis des Behandlungserfolges. Und das glaube ich sofort. Jeder Mensch ist individuell und wird entsprechend erspürt und angenommen. Somit ist auch der Druck, das sanfte Ziehen intuitiv und spürig und hat wenig mit den oft eher technischen, manchmal schmerzhaften Griffen zu tun, die wir als klassische Massage kennen.

Ich habe nach der Probestunde gleich ein Fünferpaket Shiatsu gebucht und freue mich schon auf das angenehme Gefühl, wieder sanft in die Länge gezogen zu werden.