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Ein Grund mehr, warum Corona auch für Nicht-Erkrankte ungesund ist: Das Singen außerhalb der eigenen Badewanne war lange verboten. Das ist blöd, denn kaum eine so erfreuliche Angelegenheit ist so gesund wie das laute Schmettern Eurer Lieblingssongs

Da geht man täglich joggen. Man reißt Hunderte von Kilometern auf dem Fahrrad ab. Man ist seit Jahren Mitglied in den angesagtesten Fitnessclubs der Stadt. Und dann kommen die Schweden und sagen einem, dass das alles gar nicht nötig ist. Wer fit sein will, sein Immunsystem stärken und Endorphine freisetzen möchte, das stellten Forscher der Universität in Göteborg unlängst fest, sollte sich lieber einem Chor anschließen.

Die Wissenschaftler aus dem Südwesten Schwedens haben nämlich bei Leuten, die im Chor singen, die Herzfrequenz gemessen. Und festgestellt: Beim Singen in der Gruppe gleichen sich die Herzfrequenzen an. Und noch erstaunlicher: sie stabilisieren sich gleichzeitig, und eine stabile Herzfrequenz stabilisiert das ganze Herz-Kreislauf-System. Dazu kommt, dass trainierte Sänger gesünder atmen als Nichtsänger – während letztere den Brustkorb aufblähen, atmen erstere in den Bauch. Dort ziehen Muskeln das Zwerchfell nach unten, das schafft Platz für die Lungen, der Brustkorb entspannt sich – und der Körper wird besser mit Sauerstoff versorgt. Profi-Sänger, so die Schweden, haben nicht selten die Fitnesswerte trainierter Ausdauersportler.

Aber es ist ja nicht so, dass nur in Göteborg an dieser uralten Kulturtechnik geforscht würde. Auch an Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main sind Kollegen am Thema dran. Sie haben sich das „Requiem“ von Mozart vorgenommen, vielmehr: die Mitglieder eines Kirchenchors, die das Stück geprobt haben. Die Wissenschaftler nahmen direkt danach Speichelproben von den Sängern. Und ermittelten, dass die Anzahl der Immunglobuline A stark gestiegen, war, also jene Proteine, die in den Schleimhäuten Krankheitserreger bekämpfen. Soll heißen: Wer singt, bekommt mutmaßlich so schnell weder Husten noch Schnupfen.

Aber damit hören die rein körperlichen Segnungen des Singens nicht auf. Nächste Uni, nächstes Forscherkollegium, diesmal die vom Imperial College in London. Auch die nahmen Speichelproben von Mitgliedern eines Chors. Das besondere bei denen: alle waren Krebspatienten. Schon nach einer Stunde Gesang hatte sich bei allen der Hormon-Haushalt verändert – und nur positiv: Entzündungsfördernde Botenstoffe nahmen signifikant ab, Tumore wurden in ihrer Aktivität eingebremst.

Erstaunlich, oder? Da ist der wissenschaftliche Beweis dafür, sich Singen glücklich macht, fast schon ein unspektakulärer alter Hut. Wir erwähnen aber gern trotzdem an dieser Stelle, das eine halbe Stunde Singen reichen, damit unser Gehirn Hormonen wie Beta-Endorphine, Oxytocin und Serotonin produziert, also unsere körpereigenen Stimmungsaufheller. Stresshormone wie Cortisol dagegen werden im selben Moment abgebaut. Kein Wunder, dass Gesangstherapie längst ein eingeführtes Tool in vielen Kliniken und Praxen geworden ist.

Aber auch Gesunde entdecken mehr und mehr das Singen für sich. Drei Millionen Deutsche singen in etwa 60.000 Chören miteinander. Und manchmal sogar, wenn sie kein bisschen singen können: die Hamburger Goldkehlchen gröhlen auf Prinzip ungefähr so, als würden sie bei Borussia Dortmund auf der Nordkurve stehen. Und haben jeden Menge Spaß miteinander, auch wenn es sich gruselig anhört. (Hier übrigens ein Beispiel, dass Fußballfans sehr wohl großartig klingen können, natürlich aus England.)

Wo man singt, das jedenfalls besagt ein altes Sprichwort, da lass dich ruhig nieder – „böse Menschen haben keine Lieder“. Das stimmt sicher in der Tendenz, auch wenn eine Vielzahl an Rechtsrock-Bands und Xavier Naidoo das Gegenteil suggerieren. Fakt ist aber auch: Das Singen tut schon deshalb gut, weil es ein weitgehend angstfreier Raum ist. Der ziemlich bekannte Neurobiologen Gerald Hüther – wir verweisen an dieser Stelle gern auf unseren aktuellen Podcasttipp – hat ein verdammt überzeugendes Argument für diese These. „Versuchen Sie mal, mit einem vollgefüllten Brustkorb und mit erhobenem Haupt – was Sie ja alles machen müssen beim Singen – versuchen Sie da mal, Angst zu haben“, sagt er. „Das geht gar nicht.“