0

Wenn andere sich noch einmal von links nach rechts drehen und die Decke über die Nase ziehen, drehen andere in wetterfester Funktionskleidung draußen ihre Runden. Warum eigentlich? Wir haben drei Frauen einfach mal gefragt, was Laufen für sie bedeutet.

Vicoach: Kurze Situationsbeschreibung. Es ist ein Sonntag im Dezember, halb zehn am Morgen. Richtig hell ist es nicht, dafür geht ein beharrlicher Nieselregen hier in diesem kleinen Park im Hamburger Westen auf uns nieder, und das bei etwa vier Grad plus. Zusammengefasst: Es ist sauungemütlich. Was zum Teufel macht ihr drei hier?

Sandra: Na ja. Quatschen und uns dabei ein bisschen bewegen.

Claudia: Frische Luft schnappen.

Kathrin: Und dabei gemeinsam die Strecke vergessen, die noch vor uns liegt.

Claudia: Genau dafür brauchen wir einander.

Wofür?

Claudia: Um überhaupt loszulaufen. Ich glaube, keiner von uns wäre jetzt draußen, wenn wir nicht jeden Sonntag diese stehende Verabredung hätten, gemeinsam joggen zu gehen.

Sandra: Zumindest wäre da bei mir ein innerer Schweinehund, der echt schwer zu bezwingen wäre. Aber ich laufe ja auch manchmal allein. Und ich merke: Ich komme viel weiter, wenn ich mit euch zusammen unterwegs bin.

Kathrin: Warum?

Sandra: Weil mir ein gemeinsames Ziel haben. Eine bestimmte Strecke, auf die wir uns verständigt haben.

Hm. Kathrin, als das Band eben noch nicht lief, hast du gesagt, dass du heute so gar keinen Bock hast.

Kathrin: Äh…

Aber du bist hier.

Kathrin: Ja. Das hat mit dem inneren Schweinehund zu tun, von dem Sandra gerade sprach. Der wird kleiner, wenn man Teil einer Gruppe ist. Ich will mir nicht die Blöße geben, hier und heute nicht aufzutauchen, wenn ich gar keinen echten Grund dafür habe.

Verstehe. Soziale Kontrolle also. Aber warum eigentlich Laufen?

Claudia: Weil es so einfach ist. Man braucht nur Schuhe, der Rest ist schon da: die Luft, die Strecke, der eigene Körper…

Sandra: Und wir haben es ja auch schön hier. Wir laufen an der Elbe entlang, dann in den Jenischpark hinein, da kann man schon sagen: das Auge rennt mit.

Kathrin: Aber wichtiger ist doch eigentlich noch die soziale Komponente.

Sandra: Gerade in der Coronazeit. Im Lockdown seid ihr neben meiner Familie die einzigen Menschen, die ich regelmäßig sehe. Mit euch zu laufen, das hat 2020 auch Struktur gegeben, das war extrem wichtig für mich. Ganz abgesehen davon, dass es sofort einen positiven Effekt auf den Körper hat.

Den man ja nicht unterschätzen darf, wenn man keine 20 mehr ist. Was, nun ja, auf euch alle zutrifft.

Kathrin: Stimmt. Claudia ist 52, ich bin 48, und Sandra ist mit 42 unser Küken.

Sandra: Nur heute. Es fehlen drei aus unserer Gruppe, die sind zwischen 38 und 41.

Bei denen ist der Sozialdruck offenbar nicht groß genug.

Kathrin: Irgendwas ist doch immer.

Na gut. Aber bei Vollbesetzung heißt das: Sechs Frauen und eine Spanne von 14 Jahren. Klingt schwierig, wenn man der These Glauben schenken darf, dass jeder beim Laufen sein eigenes Tempo hat.

Sandra: Deswegen reden wir auch darüber. Denn tatsächlich: Wir laufen sehr unterschiedlich. Ich bin ziemlich schnell am Anfang, weil ich dann so energiegeladen und voller Vorfreude bin. Dafür werde ich immer langsamer, wenn mir bewusst wird, wie viele Kilometer noch vor mir liegen. Claudia ist da ganz anders.

Claudia: Stimmt. Ich brauche bestimmt 20 Minuten, bis ich so richtig drin bin. Aber dann läuft’s, und zwar lange.

Sandra: Aber das interessante ist: Es gibt nicht nur ein individuelles, sondern auch ein Gruppentempo. Wir haben es ganz gut drauf, uns aneinander anzupassen. Und wenn das mal nicht klappt, bilden sich Kleingruppen.

Claudia: Oder jemand biegt vorher ab.

Kathrin: Ja. Ich nämlich. Ich war schon mal fitter als jetzt. Ich war eine zeitlang raus, für mich ist es im Moment ein echter Angang. Und da wird diese soziale Gruppendynamik auch ganz schnell zum Druck.

Claudia: Aber komm, wir ziehen dich schon auch gut mit.

Kathrin: Das ist wahr. An jeder Kreuzung ringe ich mit mir und mit euch.

Claudia: Nicht nur du. So habe ich den „Heldenlauf“ geschafft.

Den was?.

Claudia: Den „Blankeneser Heldenlauf“. Ist ja nicht nur so, dass wir sonntags hier gemütlich an der Elbe rumzuckeln. In Vor-Corona-Zeiten haben wir auch an mehreren Jedermann-Rennen teilgenommen. Der in Blankenese ging über zwölf Kilometer. Dass ich mal so viel am Stück laufen würde… Irre.

Interessant. Ihr braucht also dann doch die sportliche Herausforderung.

Sandra: Oder Butterkuchen. Den gibt es in Jork immer nach dem „Butterkuchenlauf“.

Ihr wisst aber schon, dass man Butterkuchen auch so kaufen kann?

Kathrin: Der schmeckt aber nur halb so gut wie der, auf den man zehn Kilometer lang quer durch das Alte Land zugelaufen ist.

Sandra: Aber davon abgesehen finde ich die Herausforderung tatsächlich ganz interessant. Auch hier und heute. Claudia lässt eine Tracking-App mitlaufen, die sagt hinterher: acht komma vier Kilometer in soundsoviel Minuten. Das kitzelt mich, das Messbare motiviert mich.

Claudia: Vor allem, wenn man beim nächsten Mal schneller oder weiter unterwegs ist. Verbesserung gibt einen Schub. Ich weiß noch, wie fasziniert ich vor ein paar Jahren von mir selbst war, als ich drei Kilometer am Stück gelaufen bin. Und jetzt…

Sandra: Lässt du dich beim „Butterkuchenlauf“ von hektischen leptosomen Männern aus der Bahn scheuchen.

Kathrin: Ach ja. Diese ungemütlichen Ehrgeizlinge, die machen bei so was ja auch mit. Die nehmen bestimmt auch keinen Butterkuchen danach.

Sandra: Schlimme Leute. Dann lieber gemütlich.

Claudia: Na ja, ein bisschen Ehrgeiz habe ich schon. Die letzte in meiner Altersklasse möchte ich nicht werden.

Okay. Und wofür motivierst du dich, Kathrin?

Kathrin: Für einen Teller Nudeln. Ich frage mich immer: Wie weit muss ich laufen, um mir über das Essen keinen Kopf machen zu müssen?

Sandra: Also, so funktioniere ich nicht. Ganz ehrlich: Ich würde auch mit euch laufen, wenn es mir gar nichts bringen würde. Einfach nur, weil es so schön ist mit euch.