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Dass Bewegung gesund ist, wissen wir. Relativ neu aber ist die Erkenntnis, dass Muskeltraining tatsächlich Krankheiten verhindern und heilen kann. Willkommen in der Welt der Myokine!

Reden wir doch mal ein bisschen über Jochen. Es gibt da einen gewissen Nachholbedarf, denn viel zu lange hat sich niemand mit Jochen beschäftigt, schon gar nicht er selbst. Hat als ewiger unfreiwilliger Single gedankenlos vor sich hingelebt, saß tagsüber auf dem Schreibtischstuhl und abends vor dem Fernseher, er – als guter Freund der Tiefkühlpizza, des Hopfengebräus und des Kartoffelchips – bekam eine Wampe, wunderte sich, dass ihm die drei Stockwerke zu seiner Wohnung immer mehr Mühe bereiteten und ihn eine Erkältung nach der anderen heimsuchte. Und dann, bei einem Routinecheck bei seinem Hausarzt, erschrak Jochen tüchtig: Bluthochdruck, eine Diabetesvorstufe, Entzündungswerte, die durch die Decke schossen. Entzündung?, fragte er, wieso Entzündung? Er spürte doch gar keine. Der Arzt zeigte nur auf Jochens mächtigen Bauch. Im Fett würden die sitzen. Und von da aus seinen Körper sabotieren. Jochen schluckte.

Da war er Anfang 40. Heute, so knapp vor 50, ist von seinem Bauch nicht mehr viel übrig. Jochens Blutwerte sind allesamt im gesunden Bereich. Dass er seine Ernährung verbessert hat (eine Tüte Chips pro Woche muss es immer noch sein), ist die eine Sache. Vor allem aber hatte er sich am Tag der miesen Werte sofort in einem Fitnessstudio angemeldet. Hat mit dem Laufen begonnen, erst vorsichtig und in kleinen Dosen, dann immer weiter und schneller. Er nahm ab. Entzündetes Bauchfett, heute? Er doch nicht. Jochens Körper ist vorläufig gerettet. Und das liegt zu nicht allzu geringen Anteilen an einem Botenstoff, der in den Muskeln produziert wird und dessen Name so klingt wie ein Schnellzug in der Schweiz: Interleukin-6.

Von dem wissen wir noch gar nicht so lang. Zwischen 1990 und 2008 hat die dänische Wissenschaftlerin Bente Klarlund Pedersen an der Universität Kopenhagen an 32.000 Probanden erforscht, welchen Einfluss Sport auf das Immunsystem hat. Die erste, wenig
überraschende Erkenntnis: einen sehr positiven. Die zweite Erkenntnis von Klarlund Pedersen aber war tatsächlich neu: Sie stellte im Blut ihrer Probanden nach dem Training einen signifikanten Anstieg von Interleukin-6 fest. Und auch, dass dieser extrem wichtige Botenstoff, der Entzündungen im Körper eindämmt, Killerzellen gegen Tumore und Viren vermehrt, den Fettabbau beschleunigt und die guten Sachen im Blut anreichert, nicht etwa von den bekannten Immunzellen produziert wird. Sondern in den Muskeln. Und je mehr, nein: je sinnvoller diese Muskeln trainiert werden, desto mehr körpereigene Heilstoffe schütten sie aus. Klarlund Pedersen hatte vor zwölf Jahren also nicht weniger als eine 24/7-Apotheke in unseren Muskeln entdeckt.

IL-6 ist aber nicht allein für die heilsbringende Transporttätigkeit verantwortlich. Zwischen 200 und 600 von diesen Vermittlern zwischen den Muskeln und dem Rest des Körpers vermutet Bente Klarlund Pedersen in uns. Sie hat den Lieferanten des Muskelimmunsystems auch einen Namen gegeben: Myokine – mys ist das griechische Wort für Muskel, kinema das für Bewegung. Und eben mit der Muskelbewegung werden die Myokine ins Blut abgegeben und wandern von dort ins Fettgewebe, ins Herz, zur Leber, ins Hirn, in Tumorzellen. „Muskeln sind nicht nur zum Laufen und Stehen da, sie unterhalten sich mit anderen Organen“, sagt Klarlund Pedersen, „würde man die Substanzen hören, erklängen Botschaften im ganzen Körper.“ In etwa diese: Lass Insulin in die Zellen, Diabetes braucht kein Mensch. Oder: Krebs ist verdammt ungesund, lass bloß die kranken Zellen schrumpfen. Oder: Runter mit dem Gewicht, das hilft all deinen Organen.

Und damit hört es nicht auf. Wer seine Muskeln in Schwung bringt, beugt auch Osteoporose vor. Und Herzinfarkten. Und so weiter. Und Jochen – genau: der Jochen von vorhin, dem Selbstfürsorge einen Großteil seines Leben egal war – bedient sich jetzt mehrmals in der Woche aus seiner inneren Apotheke. Nie zu lang, er vermeidet Pressatmung, und er schwitzt beim Sport, ohne sich zu überfordern. Bei Olympia will er ohnehin nichts mehr gewinnen, und irgendwo hat er mal gehört: Slow and steady wins the race.
Hat er sich gemerkt, der Jochen.